Geld. Macht. Verbrechen.
Geld. Macht. Verbrechen.

Geld. Macht. Verbrechen.

Der Traum von der eigenen Unsterblichkeit.

Ein Vermächtnis sei, meinte der alte Firmenpatriarch sinngemäß, nicht Schmuck oder Gold oder Reichtum im klassischen Sinn, sondern vielmehr der Name, den man sich zu Lebzeiten gemacht habe und der posthum für Respekt und Anerkennung stehe.

Um zu verdeutlichen, worum es ihm ging, bemühte der Patriarch die Geschichte eines Mannes, der ihm Vorbild war. Der habe das Dynamit erfunden, erklärte er, und sei also indirekt verantwortlich für den Tod von Millionen Menschen. Niemand aber würde, fiele heute dessen Name, den Tod mit ihm in Verbindung bringen. Stattdessen habe dieser Mann zu Lebzeiten dafür gesorgt, dass sein Name für wissenschaftliche Höchstleistungen und für intellektuelle Superlative stünde, indem er sich zum Stifter und Namensgeber des gleichnamigen Preises gemacht habe. Der Patriarch sprach von Alfred Nobel, hieß Arthur M. Sackler, wurde 1913 geboren und begründete, zusammen mit seinen Brüdern Mortimer und Raymond ein milliardenschweres Pharmazie-Imperium in den USA: Purdue Pharma, Stamford, Connecticut.

Suchtfaktor kleingeredet

Die Sacklers haben unter der Federführung von Raymond Sacklers Sohn Richard mit der Herstellung und dem Vertrieb des Schmerzmedikaments Oxycontin nicht nur Milliarden verdient, sondern sich gleichzeitig auch eingekauft in das Who-is-Who der amerikanischen Gesellschaft. Sie haben sich als Kunstmäzene nicht nur in den Staaten einen Namen gemacht, sondern auch in Europa.

Selbsternannte Menschenfreunde

Alles schien also den von Gründervater Arthur M. Sackler vorgezeichneten Weg zu gehen: Die Selfmade-Milliardäre hatten es nicht nur zu ungeheurem Reichtum geschafft, sie waren zudem auch an der Spitze der amerikanischen und europäischen High-Society angekommen. Museen, Kunsthallen, Wissenschaftsauszeichnungen, Straßen, Plätze – der Name Sackler nahm öffentlichkeitswirksam Raum ein, ja, der Name des Familien-Clans stand für Philanthropie – für menschenfreundliches Denken und Verhalten.

Bis …

Bis mutige und engagierte Journalisten, Anwälte und Aktivisten nachgewiesen haben, worauf all der Reichtum, worauf all der Ruhm und die gesellschaftliche Anerkennung gründeten, nämlich auf einer kleinen, runden Pille, die insbesondere chronischen Schmerzpatienten Linderung versprach. Anders als bisherige Schmerzmedikamente sollte Oxycontin länger wirken, also über einen Zeitraum von 12 Stunden hinweg. Das versprach unzähligen Patienten endlich wieder Nächte ohne Schlafunterbrechung.
Mit diesem anfänglich schlicht erlogenen Versprechen begann der Siegeszug eines semisynthetischen Opioids, das – ärztlich verordnet – die USA in eine Drogenkrise stürzte, die bislang jährlich allein rund 100 000 Todesopfer gefordert hat. Von 1999 bis März 2021 verstarben laut der amerikanischen Behörde Centers for Desease in den USA fast 841.000 Menschen an einer Drogenüberdosis, darunter unzählige Patienten, denen Oxycontin verordnet wurde.

Hardcore Marketing

Möglich wurde dieser Siegeszug auch durch eine gänzlich skrupellose Vermarktungskampagne. Noch bevor die amerikanische Zulassungsbehörde FDA ihr Okay gegeben hatte, landete die Pille auf dem Markt. Die Sacklers sorgten selbst für entsprechende Studien, die der hochgradig süchtig machenden Pille kaum bis keine Suchtgefahr attestierten. In einem selbst herausgebrachten „Ärzteblatt“ (zum Imperium gehörten auch eine große Werbeagentur und ein Verlag) wurden Mediziner eingeschworen auf die Wirkung der als Medikament titulierten Droge.
Im Verlauf der Erfolgsgeschichte bestachen und kauften die Sacklers Ärzte, Wissenschaftler, Senatoren, Staatsanwälte, Verantwortliche der FDA-Zulassungsbehörde und engagierten ein Heer williger und ebenso skrupelloser Pharmazievertreter:innen und -vertreter, bevorzugt junge, gut aussehende Frauen, die Ärzte dazu brachten, Oxycontin in immer größeren Mengen und in immer höheren Dosen zu verschreiben.

Immer mehr, immer höhere Dosen, immer mehr Suchtkranke

Es entstand – parallel – ein Schwarzmarkt, an dem Ärzte und Apotheken beteiligt waren, die Drogensüchtige mit der neuen Wunderpille versorgten. Chronisch kranke Patienten, die im Vertrauen zu ihren Ärzten und in der Hoffnung auf Linderung das Medikament einnahmen, wurden binnen kürzester Zeit abhängig davon.

Die Sacklers bezahlten ihre Verkäufer und Verkäuferinnen nicht nach der Menge der Verschreibungen, sondern nach der Höhe der Dosierung, die verschrieben wurde. Sie bedrängten und umwarben massiv Ärzte, ihren Patienten immer höhere Dosierungen zu verpassen. Und das Unternehmen der Sacklers – Purdue Pharma – erzielte Rekordgewinne.

Die Verteidigungsstrategie der Sacklers: Nichts zugeben, stattdessen die Süchtigen beschuldigen

Nachdem also Journalisten, Anwälte und Aktivisten aufgezeigt und auch bewiesen hatten, dass die Sacklers und ihr Oxycontin maßgeblich für die größte Opioid-Krise verantwortlich zeichneten, die das Land je erlebt hatte (und bis heute erlebt), begann die große juristische Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit den Sacklers. Ihnen wurde nachgewiesen, dass sie über die verheerenden Auswirkungen ihres Medikaments längst im Bilde waren bzw. dass sie von Anfang an das enorme Suchtpotential einkalkuliert hatten.
Die Verteidigungsstrategie der Familie bestand darin, die Suchtkranken an den Pranger zu stellen, sie zu diskriminieren – die Sacklers haben die Menschen angegriffen und verhöhnt, deren Drogenabhängigkeit sie selbst zu verantworten hatten.

Geld. Macht. Verbrechen.

Und sie haben ihren durch Drogengeld erlangten Einfluss geltend gemach, indem sie sich die teuersten und einflussreichsten Anwälte des Landes leisteten, darunter den inzwischen mehr als umstrittenen Rudy Giuliani und Mary Jo White, eine renommierte, amerikanische Rechtswissenschaftlerin, die auf Platz 73 der Liste der mächtigsten Frauen der Welt zu finden ist. Ein paar Bauernopfer später endete die ursprünglich groß angelegte Klage gegen die einzelnen Familienmitglieder in einem lächerlichen Vergleich, den die Sacklers allein aus ihren Kapitalerträgen bezahlen konnten. Sie stritten (erfolgreich) jegliche Verantwortung am Tod tausender Menschen ab und wurden letztlich schlicht wegen irreführender Werbung zu einer Geldstrafe verurteilt. Die Details allein um dieses Justizversagen sind so niederschmetternd, der Zynismus der Sacklers ist so atemraubend, dass das den Rahmen meines Textes sprengt.

Unterm berühmten Strich bleibt, dass die Familie Sackler über Konkursanmeldungen und juristische Tricksereien am Ende eine sog. „dauerhafte Immunität“ erreicht hat. Sie stehen bis heute nicht zu ihrer Verantwortung und sie wurden bis heute nicht in einem entsprechenden Maß zur Rechenschaft gezogen. Stattdessen erobern sie mit ihrer menschenverachtenden Auffassung und ihrer Droge Oxycontin inzwischen China.

Wenigstens der Name Sackler verbrannt?

„Der Pariser Louvre hatte seinen Sackler-Flügel schon im Juli 2021 umbenannt, das Metropolitan Museum in New York folgte im Dezember, und der Name der Sackler-Galerie im Londoner Tate-Museum musste im Februar weichen. So zerfällt Stück für Stück das philanthropische Erbe, mit dem sich die Sacklers ihren Ruf für die Nachwelt bewahren wollten“, schreibt die FAZ (14.10.2022). Aber noch immer und lediglich unter anderem Namen sind die Sacklers in der Pharmaindustrie tätig (Mundipharma in Deutschland und Napp Pharmaceuticals in GB). Noch immer warten tausende Opferfamilien darauf, dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt. Und noch immer verfügt die Familie Säckler über ein enormes Vermögen. Und noch immer wurde nicht ein Sackler-Täter persönlich juristisch belangt.

Anders also, als im Film „Painkiller“ (läuft aktuell auf netflix), den ich hier empfehlen möchte, bleibt also bis heute eine Bestrafung dieser gierigen und völlig skrupellosen Unternehmer:innen aus. Da tröstet es auch nicht, dass aus dem Wunsch nach einem Vermächtnis im Sinne des Vorbilds von Alfred Nobel am Ende nichts geworden ist: Der Name Sackler wird, das bleibt zu hoffen, für alle Zeit verbunden bleiben mit dem kalkulierten Sterben tausender Menschen, mit der unbezähmbaren Gier einer Familie, die für Geld über Leichen geht.


Geld regiert die Welt – aber das Prinzip Hoffnung bleibt

Am 10. August 2023 stoppte der Oberste Gerichtshof der USA das Konkursverfahren, das die Regierung Biden als „beispiellose“ Vereinbarung bezeichnet hatte, die der Familie Sackler letztlich einen weitgehenden Schutz vor zivilrechtlichen Ansprüchen im Zusammenhang mit Opioiden bieten würde. Mit der Zustimmung zur Aussetzung des Vergleichs erklärte das Gericht auch, dass es den Fall im Dezember 2023 wieder aufnehmen und Argumente anhören werde, berichtet CNN.

Mich fesselt dieses Thema und lässt mich nicht wieder los, weil es ein Beispiel dafür ist, was mit der Mischung aus Geld und Einfluss möglich ist. Die Sacklers sind für dieses Prinzip lediglich ein Exempel unter vielen, wenngleich auch eins, das aufgrund der menschenverachtenden Haltung der Protagonisten besonders spektakulär wirkt. Anhand dieser Unternehmergeschichte lässt sich gut nachvollziehen, wie eins ins andere greift: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Ärztinnen und Ärzte, Apotheken, Behörden, Anwälte, Politik – alle mussten mitgespielt haben, um den Siegeszug der Sacklers und damit millionenfache Abhängigkeit, Drogensucht und tausendfaches Sterben zu ermöglichen.

Und manche spielen bis heute mit: Noch immer wird der sog. „Raymond und Beverly Sackler international Prize“ verliehen von einem internationalen Komitee unter der Leitung der Tel Aviv University.

Und noch heute machen die Sacklers mit ihren Schmerzpillen ein Vermögen.

Unbedinger Lesetipp: „Imperium der Schmerzen“ von Patrick Radden Keefe
Unbedingter TV-Tipp: Painkiller, derzeit auf netflix als Mini-Serie (wobei man sich in jeder Sekunde klar sein muss: Das ist KEIN Film, keine Fiktion, this shit happens)

Im Netz finden sich zum Thema hunderte Artikel und Texte. Ich habe mich hier lediglich auf eine Handvoll Links bezogen sowie auf Informationen aus dem Buch von P. Radden Keefe und dem Film „Painkiller“, dessen Vorschau ich hier verlinke. Mehr über das Thema auf meinem Blog ist hier zu finden.

https://www.youtube.com/watch?v=24-YonhNS0Y

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